Besuch von … G {T 4}

Als jemand eines Abends im zweiten Stock an das Fenster meines Arbeitszimmers klopft, wundere ich mich nicht. Ich öffne das Fenster und lasse den Besucher herein.

Sie sind … G, habe ich Recht?

Zweifellos!

Ja, da habe ich wirklich keinen Zweifel, dass Sie der berühmte Engel sind.
Genau wie neulich bei Herrn T. Da wusste ich auch sofort, wer dieser Mann am Rasenmäher ist.

Berühmt, aha … Es gibt auch Leute, die würden eher sagen: berüchtigt!

Irgendwie … ich hätte nicht erwartet, dass Engel wirklich fliegen können.

‚Schweben‘ ist wohl eher korrekt in eurer Sprache. Oder sehen Sie irgendwo Flügel?

Nein. Aber das wäre dann auch zu kitschig gewesen.
Darf ich das Fenster wieder schließen, oder wollten Sie nur mal kurz vorbei-‚schweben‘?

Wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich ein bisschen.

Gerne.

Und …

Und?

Ähm, es ist mir ein bisschen peinlich.

Sagen Sie bloß, Sie möchten ein dunkles alkoholfreies Weizen?

Nein! – Aber wenn Sie eines dahaben, könnten Sie mir eins für den Chef mitgeben. Er würde sich darüber sehr freuen.

Hat er also schon eins probiert bei Herrn T?!

Ja, hat er. Und er fands toll. „Mal was ganz anderes als die Biere in Dinslaken und Umgebung!“, hat er nach dem ersten Schluck gesagt, und dann hat er das Glas in einem Zug ausgetrunken.

Das freut mich natürlich. Ich schaue nachher mal, ob ich noch was dahabe. Aber Sie wollten doch auch irgendetwas?

Nun, ähm, wenn Sie mir eine Tasse von Ihrem guten Darjeeling-Tee …?

Ich sehe schon: Nicht nur der Teufel weiß über meine Vorlieben Bescheid. – Ich mache Ihnen einen: First oder Second Flush?

Ich weiß nicht …

Dann mache ich Ihnen meinen derzeitigen Lieblingstee: Second Flush.

Und Sie trinken ihn doch immer mit Milch.

Stimmt. Auch wenn das bei vielen Darjeeling-Liebhabern Proteste auslöst.

Protestierende Tee-Puristen?!

Ja genau. Sozusagen Tee-Protestanten.

Na, mit Puristen aller Art haben wir bei uns auch so unsere Probleme.

Und wie löst ihr die?

Da ist sich der Chef selbst leider nicht so ganz einig: Gott-Vater findet, man solle ihnen halt ihr Steckenpferd lassen, solange sie nichts Schlimmes … Jesus sagt immer nur, die wüssten ja nicht, was sie tun. Und der Heilige Geist meint, wir sollten es halt mit Humor nehmen. Dann würden die Puristen auch irgendwann lernen, sich selbst mit Humor zu nehmen.

Also sind sich die Drei doch einig: Gelassen bleiben!

Wenn man es so sieht …

Scheint auch bei Ihnen da, ähm, ‚oben‘ nicht ganz so einfach zu sein mit der Gelassenheit.

Sagen wir mal so: Uns fällt es schwerer als dem Chef.

Gabriel macht es sich auf meinem kleinen Arbeitszimmer-Sofa gemütlich, während ich den Tee zubereite. Ich komme mit zwei großen Tassen und setze mich auch.

Unglaublich, dieser himmlisch-irdische Geschmack.

Sie trinken das tatsächlich zum ersten Mal?! Offenbar gibt es im Himmel nicht alles.

‚Himmel‘, ‚oben‘, ‚alles‘, … Ihr habt hier ‚unten‘ keine besonders gute Vorstellung vom Reich Gottes!

Wie auch? Jesus hat schließlich nur in Bildern davon gesprochen – und dann auch noch in sehr unterschiedlichen. Genau wie vor ihm die Propheten. Und außerdem: Wie soll sich unsereiner denn die Ewigkeit vorstellen können mitten in der Zeit?

Jetzt verstehe ich langsam, was Claus – also Herr T – gemeint hat, als er unsere Gespräche mit euren verglichen hat: immer wird es gleich theologisch.

So was Ähnliches hat er zu mir auch gesagt.
Aber ich bin halt nun mal Theologe. Und das mit der Ewigkeit und so ist ja auch eine ziemlich interessante Frage – also für uns hier ‚unten‘ jedenfalls.

Da können wir gerne ein anderes Mal drüber reden. Heute bin ich aus einem anderen Grund hier.

Vermutlich, um mich vor Herrn T und seinen Ansichten zu warnen.

Warnen? – Nein, überhaupt nicht. Er hat zwar seine eigene Sicht auf die Dinge, aber im Prinzip sagt er nichts Falsches oder Gefährliches.

Was ist dann der Grund Ihres Besuches?

Nun, ich soll Ihnen ausrichten – also vom Chef –, dass er das Gefühl hat, Claus hätten die Gespräche mit Ihnen gutgetan.

Und das heißt?

Na, er will Sie ermutigen, weiter in Kontakt zu bleiben. Claus hat so selten Gesprächspartner hier ‚unten‘. Die meisten erkennen ihn ja gar nicht als Teufel, und wenn doch, dann wollen sie nichts mit ihm zu tun haben – was übrigens (nur am Rande erwähnt) gefährlicher sein kann, als direkt mit ihm zu sprechen.

Jetzt sind aber Sie es, der ziemlich grundsätzliche theologische Fragen aufwirft.

Ja, das hat Claus, wie es so seine Art ist, gleich richtig erkannt: Wir beide sind uns da ziemlich ähnlich.

Dann wäre es schön, wenn auch wir ein bisschen in Kontakt bleiben könnten.

Ja, gerne, wenn ich mal Zeit habe zwischen meinen vielen Aufträgen vom Chef, irgendwelchen Menschen was auszurichten.

Reden Sie mit denen auch immer so direkt wie mit mir?

Nein, eher selten. Meistens muss ich andere Wege finden, die – wie heißt es heutzutage statt ‚verkündigen‘ – die ‚Message rüberzubringen‘.
Aber zurück zu meiner ‚Botschaft‘ an Sie: Wären Sie denn bereit, weiter  Kontakt mit Herrn T zu halten?

Ja klar, warum nicht, wenn das sogar von allerhöchster Stelle abgesegnet ist. Ich gehe mal davon aus, dass sich Ihr Chef in dieser Frage einig ist …

Das würde ich schon sagen, auch wenn er es natürlich unterschiedlich ausdrückt.

Nämlich wie?

Nun, der liebe Gott, also Gott-Vater, sagt: „Das gibt bestimmt interessante theologische Gespräche über mich und außerdem ab und zu ein leckeres alkoholfreies Weißbier.“ Jesus nimmt wie meistens auf seine irdischen Erfahrungen Bezug: „Wenn Judas jemanden gehabt hätte, der sich auf ein Bier zu ihm setzt, hätte es mit ihm nicht so ein tragisches Ende genommen. Ich hätte das gerne gemacht, war aber leider gerade tot.“

Und der Heilige Geist?

Der ist immer froh, wenn er Aufgaben delegieren kann.

Na, dann richten Sie ihm aus, dass ich das gerne mache.

Sehr schön. Dann verabschiede ich mich für heute von Ihnen. – Vielen Dank für den Tee!

Warten Sie, G, ich gebe Ihnen noch zwei Flaschen für den Chef mit.

Oh ja, da wird er sich freuen!

Gott-Vater, vermute ich.

Der zuallererst. Aber da ist er sich ausnahmsweise mal voll und ganz drei-einig, der Chef.

Na dann hole ich drei Flaschen.

Ich hole die Flaschen, gebe sie G und gehe zum Fenster.

Wollen Sie wieder durchs Fenster raus oder unten durch die Tür?

Doch er ist schon verschwunden.

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