Am Telefon … Herr T {T 5}

Der Anruf kam am Tag nach Gabriels Besuch.

Hallo, hier ist Teufel.

Herr T hatte zwar angedeutet, irgendwann anrufen zu wollen, aber jetzt erschrak ich doch, als er seinen Namen nannte.

Pfarrer T, sind Sie dran?

Ja, ich bin dran. Bin es bloß nicht gewohnt, den Teufel in der Leitung zu haben.
Aber ich werde mich wohl dran gewöhnen dürfen – von allerhöchster Stelle abgesegnet.

Wie das? Hat das etwas mit Ihrem Besucher von gestern Abend zu tun?

Unglaublich: Selbst darüber wissen Sie schon Bescheid.

Nun: Ich habe so meine Quellen dort … ‚oben‘. Aber wenn es Sie beruhigt: Warum Gabriel bei Ihnen war und was Sie besprochen haben, weiß ich nicht.

Na immerhin. Dann hat der Himmel doch noch ein paar Geheimnisse vor Ihnen.

Mehr als ein paar. Aber jetzt weiß ich schon mal, dass es um mich ging.

Ja. Gabriel sollte mir vom Chef was ausrichten: Ich solle doch gerne weiter Kontakt mit Ihnen halten. Gott habe das Gefühl, dass es Ihnen gut tue, einen Gesprächspartner hier ‚unten‘ zu haben.

Der gute alte liebe Gott immer besorgt um seine Kinder! Er ist und bleibt halt doch Mutter und Vater – sogar für mich.

Da bin ich jetzt aber erleichtert über Ihre Reaktion. Ich hatte eigentlich befürchtet, dass Sie das als eine Art Kontrollauftrag ansehen würden.

Oh nein, ganz im Gegenteil, ich freue mich. Er hat ja recht: Unsere Gespräche tun mir gut. Und was die Kontrolle angeht: Erstens stehen Sie unter dem Seelsorgegeheimnis; und zweitens hat der Chef Kontrolle nicht nötig – weiß ja eh über Alles Bescheid.
Aber wie geht es Ihnen denn mit diesem Auftrag: Seelsorge am Teufel?!

Ich kann nicht klagen. Ich finde unsere Gespräche auch sehr interessant. Es hätte wesentlich schlimmer kommen können, vermute ich. – Ehrlich gesagt, hatte ich heute Nacht sogar richtige Alpträume im Nachhinein.

Wovon?

Davon, wie G mir gruselige Aufträge überbringt:
„Du wirst schwanger werden und …“ – Dann folgte ein Riesentheater mit den Medien und den Wissenschaftlern, die eine solche Schwangerschaft natürlich bin ins kleinste Detail erforschen wollten.

Verstehe. – Aber Sie können mir glauben: Es gibt noch wesentlich schwerere Aufträge.

Ich weiß. Davon habe ich dann gleich auch noch geträumt: Wie ich als Prophet in die Welt geschickt wurde, um der Menschheit zu verkünden, wie boshaft und schlecht sie doch ist, und dass bald der Untergang käme, Corona sei nur das erste Anzeichen dafür und so weiter und so fort. Und dann stand ich in den Fußgängerzonen und in den sozialen Medien und habe mich mit dieser Botschaft vor aller Welt lächerlich gemacht. – Den Shitstorm können Sie sich gar nicht vorstellen, der da über mich hereinbrach; und vieles mehr bis hin zu tätlichen Angriffen.

Gab es nicht auch Leute, die Ihnen geglaubt haben?

Oh ja, und gar nicht wenige! Glühende Anhänger sogar! Aber mit denen war es noch schrecklicher. Die haben mir auch dann noch geglaubt, als der Weltuntergang ausblieb und ich stattdessen die Vergebung Gottes verkündigen ‚durfte‘. Als ich schließlich in die Psychiatrie eingeliefert wurde, haben sie sogar dagegen demonstriert („Verschwörung der Eliten gegen den Propheten Gottes“). Oder sie haben sich aus Solidarität (und um mir nah zu sein) ebenfalls einliefern lassen.
Es war wirklich ein furchtbarer Alptraum. Schlimm waren auch die ganzen Internetseiten für und gegen mich, die wie Pilze aus dem Netz schossen. Als ich endlich aufgewacht bin, war ich drauf und dran nachzuschauen, ob es diese Seiten wirklich gibt.

Oh je: so schlimme Alpträume! – Im Prinzip aber gar nicht so weit entfernt von dem, was so manche Propheten erlebt haben; vor allem die, von denen in der Bibel gar nichts steht.

Und auch gar nicht so weit von dem, was sich im Internet so an Seiten für oder gegen bestimmte Sachen findet; oder wofür und wogegen manchmal demonstriert wird.
Aber mal was anderes: Warum rufen Sie mich eigentlich an?

Ach: einfach so; und aus Neugier; und wegen der Türme …

Es klingelte.

Kann ich Sie zurückrufen? Ich muss mal eben an die Tür.

Wir beendeten das Gespräch und ich ging an die Tür. Es war Herr T, der vor der Tür stand, nicht die Postbotin.

???

Was die Türme angeht, wollte ich Sie zu einer kleinen Tour einladen.

Und wo geht es hin?

Lassen Sie sich überraschen.

Wir gingen los.

Übrigens: Der liebe Gott hat tatsächlich schon vom Weizen probiert.

Ich weiß: Gabriel hat gestern Abend gleich noch drei Flaschen für ihn mitgenommen.

Und lassen Sie mich raten: Er selbst wollte was anderes.

Stimmt: Darjeeling-Tee.

So ist er, der Gabriel: Wenn er mal nach einer Verkündigung nicht sofort wieder verschwinden muss, nimmt er die Gelegenheit wahr, um irgendeine irdische Köstlichkeit zu probieren.

Ja, er hat den Tee wirklich genossen.

Übrigens: Ihre Predigt über mich als den „diabolos“, den „Durcheinanderbringer“, fand ich interessant.

Freut mich. Fanden Sie es denn in Ordnung, was ich über ‚Sie‘, also den Teufel, gesagt habe?

Im Großen und Ganzen schon. Allerdings möchte ich noch einmal betonen, dass nicht ich die Menschen durcheinanderbringe, sondern sie das schon selbst schaffen. Ich stelle eigentlich höchstens mal eine Frage und verändere so die Sichtweise der Menschen. Das Durcheinander bringen die Menschen dann schon selbst zustande.

Sie meinen so eine Frage wie die der Schlange damals: „Sollte Gott gesagt haben …“

Ja genau. – Allerdings: Genau so, wie es in der Bibel dann letztendlich aufgeschrieben wurde, ist das Gespräch damals nicht verlaufen.

Sie wollen also die ganze Schuld am Durcheinander den Menschen geben?

Schuld, Schuld … – Es ist halt so, wie ich es schon in meiner Email geschrieben habe: Meine Mitarbeiterin hat in diesem Gespräch nur einen Schneeball in einen schneebedeckten Hang geworfen, und schon hat sich eine Lawine entwickelt. Eine Lawine, die bis heute anhält. Wer da schuld ist, darüber könnten wir jetzt lange diskutieren.

Das hieße ja, dieses eine Gespräch zwischen Eva und der Schlange damals hat für die gesamte Weltgeschichte gereicht.

Im Grunde ja. Schon bei Kain und beim Turmbau zu Babel war ich nur Zuschauer. Nur bei der Sache mit Hiob und später bei Jesus habe ich mich nochmal aktiv eingemischt – aber nur, um die Folgen der Lawine zu testen.

Sie müssen aber zugeben: In meiner Predigt sage ich auch, dass es gar nicht klar ist, ob diese durcheinanderbringende Macht von außen kommt oder immer schon in uns Menschen drin ist. Das ist doch gar nicht so weit von dem entfernt, was Sie sagen.

Stimmt. Das fand ich auch gut, dass Sie offen lassen, wer da wen wie durcheinanderbringt.

Sie bringen mich aber jetzt völlig durcheinander! – Wo sind wir plötzlich?

Ich glaube, Sie kennen diesen Ort ganz gut.

Ich schaute mich um: Wir waren offenbar im obersten Geschoss des Frankfurter IG-Farben-Gebäudes – jetzt ein Gebäude der Universität Frankfurt, wo ich einige Jahre gearbeitet hatte. Von einer der Fachbibliotheken aus hat man einen tollen Ausblick über die Stadt, den ich damals öfter genossen hatte. Genau dort standen wir jetzt.

Wie sind wir denn hierhergekommen? Und warum kann ich so viele Dinge bis ins kleinste Detail sehen, obwohl sie doch weit weg sind?

Nun: Ein paar Tricks muss der Teufel doch draufhaben! Was denken Sie denn, wie ich Jesus damals in der Wüste alle Reiche der Welt zeigen konnte.

Hoffentlich fordern Sie mich jetzt nicht auf, von der Zinne des IG-Farben-Gebäudes zu springen.

Sie sind doch nicht Jesus! Und außerdem ist er damals ja nicht gesprungen.

Stimmt. Und wir sind vermutlich wegen der Frankfurter Bankentürme hier, oder?

Auch, aber nicht nur. Wie ich schon in meiner Email geschrieben habe: Ihr Menschen baut unendlich viele Türme, die euch bis an den Himmel bringen sollen.

Na, da bin ich aber gespannt.

Schön. Aber ich schlage vor, wir lesen zuerst nochmal die Bibelstelle mit den Türmen.

Wieder einmal war ich mir nicht sicher, ob Herr T mich auf den Arm nehmen wollte. Aber er meinte es ernst: Er zog eine Bibel aus seiner Jacke, und dann – kaum zu glauben – las und diskutierte ich mit dem Teufel eine Bibelstelle …

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